Dahoam bleiben
- Dienstag, 24. M�rz 2020 @ 20:08
Doch "Dahoam bleiben" ist zwar ein Appell an alle, aber er bedeutet nicht für alle dasselbe. Für eine vierköpfige Familie in einem Haus im Grünen mit großem Garten bedeutet es eine Zeit des Rückzugs. Vielleicht wird der Bürojob auch auf Home-office umgestellt. Da einige Bereiche und Termine ohnehin auf Eis gelegt sind, kann man sich den den Kindern widmen, die nun im Heimunterricht gefördert werden.
Für eine vierköpfige Familie in einer 70-Quadratmeter-Wohnung ohne Garten und Balkon sind die Verhältnisse dann schon beengter. Wenn die Spielplätze auch noch geschlossen sind, und eine Ausgangssperre gilt, dann ist es wohl für die Familie auf Dauer kaum auszuhalten.
Für Leute, die in systemerhaltenden Berufen weiterhin tätig sind, bedeutet "Dahoam bleiben", dass sie zwar im Berufsleben dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, aber privat sollen sie sich dann in die teilweise beengten Wohnverhältnisse verziehen. Anstecken darf man sich nur mehr im Job. Schutzmasken im Lebensmittelhandel sind tunlichst zu meiden, damit nur ja keine Panik bei den Kund*innen aufkommt. Das individuelle Risiko, das eine Angestellte mit "russisch Roulette" treffend charakterisiert, ist dabei nebensächlich. Auf private Treffen soll aber gefälligst verzichtet werden. Da könnte sich ja jemand anstecken, der in Krisenzeiten dringend gebraucht wird. Gerade viele Frauen sind in diesen "systemerhaltenden" Jobs tätig. Und "Dahoam bleiben" tun sie nur, um ihre Arbeitskraft wiederherzustellen und sich um die Kinder zu kümmern, die nun je ebenfalls "Dahoam bleiben". Bei schönstem Frühlingswetter.
Für alleinstehende ältere Menschen bedeutet "Dahoam bleiben" mitunter einen totalen Kontaktverlust. Für Menschen mit Fernbeziehungen ist der Zustand deprimierend. Für Menschen mit Depressionen ist der jetzige Zustand katastrophal. Opfer häuslicher Gewalt sind ihren Tätern noch mehr ausgesetzt. Auch für Kinder und Jugendliche ist die Corona-Krise mit massiven Einschnitten ihrer Bewegungsfreiheit verbunden. Freund*innen nicht sehen zu dürfen und auf diverse Freizeitaktivitäten zu verzichten, ist bitter.
Und Wohnungslose haben überhaupt kein "Dahoam", in dem sie bleiben könnten. Wohin sollen sie sich denn zurückziehen, wenn eine Ausgangssperre herrscht? In Örtlichkeiten, wo ebenfalls eine hohe Ansteckungsgefahr besteht?
Derzeit ist Empörung über diejenigen, die die Ausgangssperre nicht einhalten, besonders modern. Sie ist teilweise gerechtfertigt. Es ist klar, dass wir alle dazu angehalten sind, sich an die Kontaktsperre zu halten. Es ist aber auch zu berücksichtigen dass die Voraussetzungen, um diese einzuhalten, nicht für alle dieselben sind. Wichtiger ist es hier, einen kritischen Blick auf das aktuelle Verhalten zu werfen, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Statt moralische Selbstgerechtigkeit zu üben und mit gutem Gewissen das Neobiedermeier abzufeiern, sollten wir gerade im Hinblick auf den aktuellen Imperativ die Größe des "Dahoam" ins Blickfeld zu rücken. In Österreich gibt es rund 45 Quadratmeter Wohnraum pro Kopf, in Tirol sind es rund 43. Wäre dieser gleichmäßig verteilt, hätten alle ein einigermaßen geräumiges "Dahoam" in dem sie im Krisenfall bleiben könnten. Der krisenbedingte Jobverlust der bereits über 100 000 Menschen ereilt hat, ist natürlich ein massives finanzielles Problem. Viele drohen nun das "Dahoam" zu verlieren, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Und viele befürchten, dass ihr "Dahoam" kalt bleibt, weil sie sich die gestiegenen Strompreise nicht mehr leisten können. Bei den Bilanzgewinnen von über 20 Millionen Euro im Jahr müssten die Innsbrucker*innen eigentlich von den Innsbrucker Kommunalbetrieben etwas zurückbekommen, anstatt für den Strom noch tiefer in die Tasche zu greifen. Es ist nun die Aufgabe der Politik, mit einem expliziten Delogierungs- und Stromabschaltungsverbot dafür zu sorgen, dass die Leute wenigstens "Dahoam bleiben" können, wenn sie schon "Dahoam bleiben" sollen.
Auch darüber muss in der aktuellen Krise jetzt mehr und mehr gesprochen werden.
https://de.wikipedia.org/wiki/Spanisc...ite_note-1
https://www.wienerzeitung.at/nachrich...aetzt.html
https://www.indexmundi.com/g/r.aspx?v...7&l=de
https://de.statista.com/statistik/dat...undesland/
https://www.salzburg24.at/news/oester...e-85289497
